Physiotherapie am Pferd – Segen oder Fluch?

Mehr und mehr steigt der Bedarf an physikalischer Medizin für den Sportpartner Pferd. Ob das jedoch immer hilfreich oder nicht sogar kontraproduktiv ist, zeigt sich für die meisten erst im Nachhinein. Bei horrenden Stundenlöhnen der Therapeuten scheint diese Erfahrung jedoch sehr teuer.

Palpation eines Muskels mittels DaumenPhysiotherapie, auch physikalische Therapie genannt, beschreibt die Anwendung physikalischer Mittel (Massage, Wasser, Wärme, Kälte, etc.), mit denen auf Patienten eingewirkt wird, um damit Beschwerden zu lindern oder zu therapieren. Dies beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Humanmedizin. Mit zunehmenden Maß hält auch die Physiotherapie in der Veterinärmedizin Einzug. Aber auch hier sollte die Wahl des Therapeuten nicht leichtsinnig erfolgen, sondern sehr durchdacht sein. Wer lässt schon gern jemanden an sein Pferd ohne sicher zu sein, dass der Erfolg ausbleibt bzw. der Schuss nach hinten losgeht. Ich kenn es aus der Humanmedizin ähnlich. Nicht jeder Therapeut, welcher die Prüfung nach drei Jahren erfolgreich absolvierte, ist auch für den Beruf geschaffen. Ständiges Interesse am eigenen Beruf, Einfühlungsvermögen und die soziale Kompetenz sind hier neben der fachlichen Kompetenz wichtig um Erfolge feiern zu können. Gerade die soziale Kompetenz spielt eine große Rolle. Fühlt sich der Patient nicht wohl, bleiben genau diese Erfolge aus. Der Patient muss sich fallen lassen können und dem Therapeuten vertrauen.

Erfahrungen mit der Physiotherapie am Pferd

Vertrauen und das Verständnis für die Aktionen des Therapeuten, genau diese Punkte machen den Unterschied zur Arbeit mit Tieren. Dem Menschen können wir erklären, welche Bewegungen wir an ihm durchführen möchten, dem Tier jedoch nicht. Ich selbst habe Physiotherapeuten oder andere, die meinen ähnlich auf das Pferd einwirken zu können, gesehen und konnte nicht jedem einen positiven Eindruck abgewinnen. Ein Pferd „tanzen“ zu lassen, indem man mit abgerundeten Instrumenten auf die Muskulatur neben der Wirbelsäule auf der Kruppe einwirkt, schien dem „Therapeuten“ in diesem Moment mehr als Showeffekt zu dienen, statt einer fundierten Diagnostizierung. Außer einer mir als Standarddiagnose scheinenden „Beckenschiefstellung“ wurde dem Besitzer nicht wirklich viel weitergegeben.

Gerape Kruppe am Pferd

Ein zweites, selbst erfahrenes Erlebnis zeigte sich bei der „Behandlung“ meines Pferdes. Allein in der Halle mit einer Tiertherapeutin, versuchte sie den Hals nach rechts und links zu stellen. Nach zehn Minuten und der total “unvermuteten” Feststellung, dass sich mein Pferd wohl schlechter nach links als nach rechts stellen lässt, weil eine muskuläre Dysbalance (d.h. die Muskulatur ist rechts und links der Wirbelsäule nicht gleichmäßig stark) besteht, war ich das Geld los, aber um keine große Erfahrung reicher. Mit einem Mittelmaß an Reitsport-Fachwissen bedarf es für diese Feststellung jedoch keiner therapeutischen diagnostischen Untersuchung. Aus diesem Grund ist die Wahl des Physiotherapeuten nicht nur für die eigene Geldbörse, sondern auch für das Resultat entscheidend. Empfehlenswert ist es, Informationen von vorherigen Patienten einzuholen und deren Erfolgsbilanzen zu erfahren.

Wirkungsweisen auf das Pferd

Auf Grund dessen, dass wir dem Pferd nur schwer klar machen können, was wir wirklich und präzise von ihm wollen, sollte die Einwirkung möglichst sachte und ohne Druck oder Gewalt erfolgen. Viele der tierischen Patienten fühlen sich offensichtlich unwohl, wenn der Therapeut in ungewohnter Weise Hand anlegt. Allein aus diesem Grund kann eine Grundbehandlung nicht in 15 Minuten durchgeführt werden. Ich habe diese Erfahrung selber gemacht, als ich während meiner Ausbildung versuchte, die Spannung der Muskulatur meines Pferdes zu ertasten. Der sanften aber direkte punktuelle Druck meines Fingers auf die Halsmuskulatur zeigte dabei sofort Wirkung. Eine Ausweichbewegung und erstaunte Blicke waren das Resultat. Mit Hilfe dieser Palpation (punktuelles Drücken der Muskulatur) ist es einem Therapeuten möglich Verspannunen festzustellen und deren Ursachen zu erforschen. Ein weiteres Indiz ist auch die allgemeine Körperhaltung des Tieres. Schon bei dem ersten Blick auf dem Patienten können größere und kleinere Probleme festgestellt werden.
Bei der anschließenden Behandlung sollte auf jeden Fall mit viel Vorsicht gearbeitet werden. Trotz des guten Willens aller, reagieren Pferde zumeist abwehrend gegen die Therapie und können im schlimmsten Falle Ausweichbewegungen machen, welche kontraproduktiv sind und weitere Verletzungen (Zerrungen, Vetreten, etc.)  zur Folge haben können. Äußerste Vorsicht sollte also die ganze Zeit Grundbestandteil der Behandlung sein.
Akkupunktur am PferdÄußerst fraglich halte ich jedoch die Form der Diagnostik mittels Klangschalen oder Beweihräucherung am Pferd. Diese Formen der Physiotherapie haben sich in der Humanmedizin in den letzten Jahren bewährt. Jedoch sind die Wirkungen zum überwiegenden Teil an das Verständnis, Vertrauen und “Fallen lassen” des Patienten gebunden. Das Pferd, welches die Klangschalen schon als äußerst suspekt empfindet wird sich wohl kaum in einem ausreichenden Maße entspannen können um den gewünschten Effekt erzielen zu können. Diese Art der Zuwendung scheint dem Außenstehenden mehr an “Voodoo” zu erinnern, statt an eine fundierte Therapie. Ob einem diese Behandlung das hohe Budget des Therapeuten wert ist, muss letzten endes jeder selbst entscheiden. Ich für meinen Teil nehme davon Abstand.
Als weitere Maßnahme kommt die Akkupunktur zum tragen. Hier wird versucht mittel Akkupunkturnadeln auf die Meridiane Einfluss zu nehmen und Energieströme zu leiten, mit der Absicht die Selbstheilungskraft zu steigern. Diese Therapie scheint für viele, wie auch die “Klangschalen-Therapie” mehr “Hokus Pokus” zu sein, als eine relevante Therapie. Eigene Erfahrungen mit der Akkupunktur habe ich leider nicht. Erfahrungsberichte von Freunden zeigen jedoch, dass diese Therapie bei ordentlicher und professioneller Anwendung erfolgversprechend sei. Auch hier sollte man vor der Engagierung des Akkupunteurs Erfahrungsberichte einholen und nicht immer der schillernden Werbung glauben.

Diagnose ohne regelmäßige Therapie – kann das erfolgreich sein?

Zu den ersten beruflichen Erfahrungen meines Physiotherapeuten-Daseins gehört, dass die sechs vom Arzt verordneten Behandlungen nur in Einzelfällen ausreichend sind. Dabei sollten die Anwendungen auch mindestens zweimal pro Woche erfolgen. Wie schaut es hier in der Veterinär-Physiotherapie aus. Zumeist kommt der Therapeut an, “diagnostiziert” und gibt im besten Falle noch Ratschläge wie der Reiter mit dem Pferd arbeiten soll. Jedoch ist der Reiter kein Therapeut und kann diese Anweisung nur in seltenen Fällen reell umsetzen. Ist die Physiotherapie am Pferd also wirklich eine Therapie, wenn der Therapeut nur aller paar Wochen vorbeischaut? Für mich stellt sich hier die Frage inwiefern man das viele Geld investieren sollte, wenn die eigentliche Behandlung ausbleibt. Wo bleibt der wirkliche Erfolg? Im besten Fall kommt der Therapeut regelmäßig und begleitet vielleicht sogar Trainingseinheiten, um in Zusammenarbeit mit dem Trainer ein Konzept zu entwickeln, welches der Therapie dienlich ist. In der Gesamtheit müssen alle am selben Strang ziehen um nachhaltigen Erfolg zu erreichen.

Fazit

Physiotherapie bzw. physikalische Therapie ist bei richtiger Anwendung auf jeden Fall erfolgreich. Jedoch sollte man nicht auf jeden vermeintlichen Therapeut reinfallen und leichtsinnig die horrenden Honorare bezahlen. Eine ordentliche Behandlung ist ihr Geld wert, aber vermeintliche Blender versuchen auf diesen Zug aufzuspringen und sich am guten Willen der Pferdebesitzer zu bereichern.

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